100.000 Schritte und unschätzbare Erfahrungen: Austausch mit Tallinn

Im April war eine Schüler*innen-Gruppe aus Estlands Hauptstadt Tallinn in Herrenberg. Im Mai trat nun eine Gruppe aus dem AGH den eindrucksvollen Gegenbesuch an.

“Estland ist flacher als Deutschland und die Natur ist anders“, „in Estland laufen die Leute mehr“, „die Schulregeln sind anders“ – das waren die Hauptunterschiede, die den Schüler*innen aus Tallinn aufgefallen waren, nachdem sie im Rahmen des Schüleraustauschs mit dem AGH eine Woche in Herrenberg verbracht hatten. Ob dies tatsächlich so war, konnten 13 (zumeist Russisch-lernende) Schüler*innen des AGH aus den Klassen 9 bis J1 mit ihren Begleitlehrkräften Frau Weber und Herrn Mühlbach Mitte Mai überprüfen, als sie den Gegenbesuch in Estland antraten.

Was die Natur angeht, so befindet sich Tallins Altstadt zwar auf einem Hügel, vor allem aber liegt die Stadt am Meer, von dem auch das Ehte Humanitaargümnaasium nur 10 Gehminuten entfernt ist. Für alle, deren Partner*innen in Meeresnähe wohnten, bot sich daher bereits am ersten Abend die Gelegenheit, die Lauffreudigkeit der Esten zu verifizieren, hatten die beiden betreuenden estnischen Lehrerinnen doch die Devise ausgegeben: „Abends geht ihr raus; es wird nicht zuhause rumgesessen!“, an die sich akribisch gehalten wurde.

Der erste Tag stand im Zeichen des Kennenlernens der Umgebung. Ein langer Spaziergang außerhalb des Stadtzentrums führte die AGH-Gruppe unter anderem zu einem beeindruckenden Mahnmal für die Opfer der Sowjetherrschaft, dem Zarenschloss Kadriorg und dem Präsidentenpalast. Am folgenden Tag stand eine Fahrt mit der Fähre nach Helsinki mit Stadtbesichtigung auf dem Programm. Am Montag trafen sich dann alle Teilnehmer erstmalig in der Schule, wo tatsächlich vieles anders war als an deutschen Schulen, angefangen beim Personal: Neben Lehrkräften, Sekretärinnen und Hausmeistern arbeiten dort ein Schulpsychologe, eine Schulsozialarbeiterin, ein Arzt, ein Wachhabender am Eingang sowie eine Frau, die den ganzen Tag vor Ort ist und auf die Sauberkeit achtet. In der Garderobe ziehen alle Schüler*innen und Lehrkräfte Hausschuhe an, um die Schule sauber zu halten; essen ist nur in der Mensa erlaubt; im Flur stehen Ergometer, im Schulhof Fitnessgeräte; die Klassenzimmer sind sehr modern, das Essen in der Mensa ist für alle kostenlos. Andererseits dürfen alle Schüler*innen ständig ihr Handy benutzen, was als störend empfunden wurde, und zum Mittagessen ist nur 20 Minuten Zeit. Was die Sprache angeht, so war Russisch bis vor zwei Jahren die Unterrichtssprache, da die Schüler der Schule aus der russischsprachigen Minderheit in Estland kommen. Seit zwei Jahren ist jedoch vorgeschrieben, dass der Unterricht auf Estnisch stattfindet, was dazu führt, dass im Fachunterricht auch immer Sprachunterricht stattfinden muss. Wie schwierig Estnisch tatsächlich ist, davon konnten sich alle Herrenberger in der Estnischstunde überzeugen, in der die AGH-Gruppe die ersten Worte auf Estnisch lernte.

An den folgenden Tagen fanden neben Unterrichtsbesuchen weitere Ausflüge statt: in Tallinns Altstadt, in ein Freiluftmuseum, in dem bäuerliches Leben in Estland, aber auch das Leben in der kollektivierten Landwirtschaft der Sowjetunion erfahrbar gemacht wurden, eine Radtour entlang der Küste und ein Besuch im Meeresmuseum. Besonders bewegt hat alle der Tagesausflug nach Narva, eine Grenzstadt zu Russland. Die beiden Länder trennt ein Fluss, auf beiden Seiten steht jeweils eine mittelalterliche Burg, über beiden weht die jeweilige Landesflagge. Dazwischen: die „Brücke der Freundschaft“, über die man nur noch zu Fuß und mit Visum gehen kann. Der Autoverkehr ist komplett eingestellt. Die estnische Lehrerin Olga berichtete, dass ihre Heimatstadt Narva „im Sterben“ läge, seit der Grenzverkehr derart eingeschränkt sei. Aufgrund mangelnder Arbeitsplätze zögen immer mehr der vorwiegend russischstämmigen Einwohner weg. Die Gedanken der Schüler ähneln sich: Wie kann ein Ort, der so zum Greifen nah ist, so weit entfernt sein? Und: Wann werden wieder die Voraussetzungen geschaffen sein, dass die „Brücke der Freundschaft“ ihrem Namen gerecht wird? Narva bezieht auf seine Weise Stellung: An der Burgmauer Richtung Russland hängen Flaggen: die Europa-Flagge, die estnische, die ukrainische und die Stadtflagge Narvas. 

Und so machen auch die Tallinner und die Herrenberger Teilnehmer des Austauschs ein gemeinsames Gruppenbild an diesem Ort – dankbar für die Gelegenheit, eine Woche lang derart wertvolle Erfahrungen zu sammeln, persönliche Kontakte zu knüpfen und sich gegenseitig kennenzulernen, freundschaftliche Brücken zu schlagen und vor allem zu erleben, dass uns trotz der bestehenden Unterschiede so viel mehr eint und verbindet.