Jahrelang hatte das AGH einen regelmäßigen Schüleraustausch mit dem Klassischen Gymnasium (Schule 610) in Sankt Petersburg. Die letzte Begegnung fand 2019 in Herrenberg statt. Aufgrund der Corona-Pandemie und dann dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine musste dieser Austausch auf Eis gelegt werden, auch wenn der Kontakt zu der Schule immer noch besteht. Seit Kriegsbeginn suchten wir deshalb nach einem Ersatz für diesen Austausch, damit unsere Russisch-Schüler*innen die Möglichkeit haben, die im Unterricht erworbenen Sprachkenntnisse auch einmal in der Realität anwenden zu können und interkulturelle Kompetenzen in einem osteuropäischen Land zu erwerben. Zufällig stieß dann Sarah Tziolas auf einer Webseite, auf der russischsprachige Schulen in Estland aufgelistet waren, auf das Ehte Humanitaargümnaasium in Tallinn (EHG) und nahm mit der Schule Kontakt auf. Sofort reagierten zwei der dortigen Kolleginnen und zeigten großes Interesse an einem Austausch mit dem AGH. Auf zwei Videokonferenzen sprachen wir die Rahmenbedingungen ab und waren uns schnell einig, dass wir im Jahr 2026 einen ersten Probelauf starten wollen, der der Beginn einer ständigen Partnerschaft sein soll. Geplant wurde, dass die estnische Gruppe von 15.-22. April nach Herrenberg kommt, und wir genau einen Monat später, vom 15.-22. Mai, in Tallinn sind.
Da aus unserer Zielgruppe, unserer 10. Klasse (die zweieinhalb Jahre Russisch gelernt hat), nur 9 Schüler*innen teilnehmen wollten, die Esten aber 13 interessierte Schüler*innen hatten, öffneten wir den Austausch auch für andere Klassen. Es nahmen daher noch 3 Schülerinnen aus der J1 teil, die bis Klasse 10 Russisch gelernt hatten, sowie ein Schüler der Klasse 9 ohne Russischkenntnisse.
Am Tag vor der Ankunft der estnischen Gruppe erreichte uns dann eine Schreckensnachricht: Aufgrund des Pilotenstreiks bei der Lufthansa war der Flug aus Tallinn gestrichen und die Gruppe auf zwei verschiedene Flüge umgebucht worden. Eine Gruppe (eine Lehrerin und 7 Schüler*innen) sollte wie geplant am Mittwoch, dem 15.04., allerdings um 22:30 statt um 18:00 Uhr ankommen, die andere Gruppe (eine Lehrerin und 6 Schülerinnen) erst am Freitagabend, also zwei ganze Tage später.
Da die späte Ankunft am Mittwoch es unmöglich machte, die Gruppe mit öffentlichen Verkehrsmitteln am Flughafen abzuholen, erklärten sich dankenswerterweise einige Eltern bereit, mit dem Auto an den Flughafen zu fahren, damit die Heimfahrt möglichst zügig geht. Ab da klappte dann auch alles wie vorgesehen, und gegen Mitternacht waren alle Gäste bei ihren Familien und konnten endlich etwas essen, was aufgrund kurzer Umstiegszeiten zwischen den Flügeln nur eingeschränkt möglich gewesen war.
Am nächsten Morgen hätte in den ersten beiden Stunden ein erstes Kennenlernen stattfinden sollen. Alle deutschen Teilnehmer*innen waren zwar da, aber da nur die Hälfte der Tallinner Gruppe anwesend war, fiel es etwas unvollständig aus. Dennoch unterhielten sich alle, stellten sich gegenseitig vor und bastelten ein gemeinsames Mosaik aus ihren Namen und Interessen.
Dann ging es für die Tallinner Schüler*innen ins Herrenberger Rathaus, wo sie vom Oberbürgermeister begrüßt und mit Brezeln und Apfelsaft aus heimischen Streuobstwiesen verköstigt wurden. Nach einem Pressetermin mit dem „Gäuboten“ stand eine Stadtführung durch Herrenberg auf Englisch auf dem Programm. Dann kehrte die Gruppe wieder an die Schule zurück, wo die Schüler*innen ihre Partner*innen trafen und den ersten Nachmittag gemeinsam verbringen konnten.
Die ersten beiden Stunden des Freitags verbrachten die Gäste im Unterricht ihrer Partner*innen. Dann fuhren wir nach Stuttgart und mit der „Zacke“ nach Degerloch, um auf den Fernsehturm zu gehen, von wo alle die tolle Aussicht genossen. Auf dem Rückweg machten wir Halt am Eugensplatz, um dort ein Eis zu essen, bevor wir über die Stäffele wieder durch die Stadt zurück zur S-Bahn liefen, um nach Herrenberg zurückzufahren. Abends kam dann endlich der zweite Teil der Gruppe an und wurde von den Gastgeber*innen am Herrenberger Bahnhof freudig begrüßt.
Am Samstag war eine Stadtführung durch Stuttgart auf Russisch angesetzt, die sehr informativ aber auch sehr lange (und etwas ermüdend) war. Dennoch bat die estnische Gruppe darum, geschlossen das Mercedes-Benz-Museum besuchen zu dürfen, was allen sehr gut gefallen hat. Danach trafen sich die estnischen Schüler*innen in Stuttgart mit ihren Gastgeber*innen, um noch ein bisschen auf eigene Faust die Stadt zu erkunden.
Der Sonntag war als freier Tag vorgesehen. Alle Gäste unternahmen etwas mit ihren Gastfamilien, fuhren z.B. nach Schaffhausen zum Rheinfall, besichtigten die Burg Hohenzollern, waren im Europapark oder in Tripsdrill; die beiden estnischen Lehrerinnen wollten zu Ritter Sport und danach in Herrenberg bummeln, wo verkaufsoffener Sonntag war.
Montag war der Tag, an dem unsere gemeinsamer Ausflug anstand. Die deutschen Schüler*innen waren vom Unterricht befreit, sodass wir mit Herrn Mühlbach gemeinsam nach Konstanz fahren konnten. Nach einer russischsprachigen Stadtführung war viel Zeit für einen gemeinsamen Stadtbummel, einen Spaziergang in die Schweiz oder um einfach am Ufer des Bodensees zu sitzen, bevor wir gegen 18:00 wieder nach Hause fuhren. .
Dienstag war bereits der letzte komplette Tag in Herrenberg. In den ersten beiden Stunden schrieben die estnischen Schüler*innen ihre Erfahrungen über die Woche nieder und bereiteten ihren Teil eines Quizzes für unseren Abschlussabend vor. Dann fuhren sie begleitet von Frau Bökenheide nach Tübingen, wo sie eine russischsprachige Stadtführung hatten und ein bisschen bummeln konnten. Rechtzeitig zum Unterrichtsende der deutschen Schüler*innen waren sie wieder zurück. Nachmittags um 17:00 Uhr trafen wir uns dann alle bei mitgebrachtem Fingerfood, um uns als Gruppe noch besser kennenzulernen und auf die Woche zurückzublicken. Die deutschen Schüler*innen hatten vormittags im Unterricht ebenfalls Quizfragen zum Austausch, zu Herrenberg und zu Deutschland vorbereitet, die gemeinsam mit den Fragen der Tallinner zu einem Gesamtquiz auf der Plattform Kahoot zusammengeworfen wurden. Dieses Quiz ließ die Woche Revue passieren und brachte uns noch einmal miteinander ins Gespräch. Insgesamt waren alle sehr zufrieden mit dem Erlebten, hätten sich aber natürlich gewünscht, dass wir einen gemeinsamen Beginn und damit ein gemeinsames Kennenlernen gehabt hätten. Auch war der Wunsch nach mehr gemeinsamer Zeit deutlich. Allerdings mussten unsere Schüler*innen ja in ihren Unterricht, sodass dies nur bedingt möglich ist.
Am nächsten Morgen hieß es dann schon vor der ersten Stunde Abschiednehmen am Bahnhof Herrenberg. Am Flughafen gab es für die Tallinner noch ein kleines Abschiedsgeschenk: eine Tafel Ritter Sport mit Brezel-Stückchen, weil sich Brezeln als absolutes Lieblingsessen aller herauskristallisiert hatten.
Insgesamt lag also eine durchaus anstrengende, aber für alle Beteiligten überaus bereichernde Woche hinter uns, von der wir hoffen, dass sie den Auftakt zu einer stabilen Partnerschaft darstellt. Nun freuen wir uns sehr auf den Gegenbesuch in Tallinn, der noch vor den Pfingstferien ansteht.


















